"Jedes zweite ausrangierte Solarmodul könnte eigentlich weiter genutzt werden."

Foto: Luisa Schulze/ Better Sol GmbHAussortiert heißt nicht kaputt: Viele Solarmodule, die aus PV-Parks oder dem Handel zurückkommen, funktionieren noch einwandfrei. Im Interview erklärt Luisa Schulze von Better Sol, wie aus vermeintlichem Ausschuss geprüfte Second-Life-Module werden, warum die Alterung von Modulen oft deutlich geringer ausfällt als von Herstellern angegeben – und wie viel CO₂ pro wiederverwendetem Modul eingespart werden kann. Ein Einblick in eine Branche, die zeigt, wie die Energiewende zirkulär werden kann.




Was genau macht Better Sol?

Better Sol prüft und vertreibt gebrauchte Solarmodule, um sie vor einem frühzeitigen Recycling zu retten. Es geht um Module, die verfrüht zurückkommen – also nicht erst dann, wenn sie wirklich defekt und funktionsunfähig sind. Wir versuchen, die tatsächlich defekten von den funktionierenden Modulen zu trennen, um funktionsfähige Module als Second-Life-Module weiterzuvertreiben.

Wie sind Sie zu dieser Idee gekommen?

Ich bin über das Recycling von Solarmodulen zu Better Sol gekommen. Das war damals noch eine ganz junge Idee: ein Recyclingverfahren für Solarmodule zu entwickeln. Zur Wiederverwendung von Solarmodulen gab es damals – und teilweise auch heute noch – nicht viele etablierte Verfahren.

Dadurch, dass ein Solarmodul eigentlich ein sehr langlebiges Produkt ist, wurden Lösungen im End-of-Life-Bereich erst entwickelt, als überhaupt größere Mengen an ausrangierten Modulen vorhanden waren. Ich habe damals im Recyclingbereich gearbeitet und einen neuen Recyclingprozess mitentwickelt – zuerst als Praktikantin, später als Werkstudentin.

Bei ersten Recyclingtests mit defekten Modulen ist uns aufgefallen, dass viele Module gar nicht so kaputt aussahen und vielleicht sogar noch funktionierten. So ist die Idee für Better Sol entstanden – als Ausgründung aus dem Recyclingunternehmen Solar Materials. Better Sol und Solar Materials können zusammen die gesamte End-of-Life-Behandlung von Solarmodulen abdecken.

Und wie viele Leute sind Sie bei Better Sol?

Wir arbeiten inzwischen wieder enger integriert mit Solar Materials zusammen, also mit dem Recyclingbereich der Solarmodule. Wir sehen einfach, dass Wiederverwendung und Recycling sehr eng ineinandergreifen.

Häufig ist es so, dass Kund*innen Interesse an beidem haben: an Wiederverwendung und Recycling. Vielleicht weiß man schon, dass ein Teil der Module durch bestimmte Ereignisse defekt ist, ein anderer Teil aber noch funktioniert. Trotzdem muss repowert werden. Das heißt, es gibt oft eine Mischung aus Second-Life- und Recyclingmodulen.

Dadurch, dass wir beides anbieten können, können wir unseren Kund*innen ein umfassenderes Angebot machen. Deshalb verschwimmen die Grenzen zwischen Better Sol und Solar Materials inzwischen etwas – etwa im Einkauf der Module oder in der technischen Entwicklung, weil die Anlagen und Prozesse miteinander kommunizieren müssen.

Bevor diese Integration stattgefunden hat, waren wir bei Better Sol ungefähr 4 bis 5 Personen.

Welche Lebensdauer haben Solarmodule regulär und gibt es einen Richtwert für den Leistungsverlust?

Hersteller garantieren in der Regel eine Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren und einen Leistungsverlust von etwa einem halben Prozent pro Jahr. Das heißt: Nach 20 Jahren läge der Leistungsverlust bei ungefähr zehn Prozent, nach 30 Jahren bei etwa 15 Prozent. Das ist ein recht linearer Abfall, den die Hersteller garantieren.

Was wir durch unsere Tests sehen – und was auch Studien und Forschung zeigen –, ist allerdings, dass die Alterung häufig deutlich geringer ausfällt. Dieses halbe Prozent ist eher konservativ gerechnet, auch weil Hersteller sich absichern möchten.

Viele Module verlieren eher 0,2 bis 0,3 Prozent Leistung pro Jahr. Bei großen PV-Parks ist die erste Fehlerquelle oft eher der Wechselrichter als das Modul selbst. Wenn nicht gerade ein Unwetterereignis passiert oder Module aus einer fehlerhaften Charge stammen, sind das sehr langlebige Produkte.

Wann werden Module ausgetauscht und woher bekommt Better Sol sie?

Wir bekommen die Module vor allem aus dem gewerblichen Bereich. Im privaten Bereich lassen die Menschen ihre Module meistens so lange auf dem Dach, wie sie Strom erzeugen.

PV-Parks repowern dagegen häufiger, tauschen also ihre Module gegen leistungsstärkere aus. Die Module selbst altern zwar langsam, aber die Leistung neuer Module ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Dadurch kann ein PV-Park, der wirtschaftlich denkt, durch einen Austausch mehr Ertrag erzielen.

Wir bekommen aber auch Module aus dem Vertrieb von Neumodulen. Dort passiert es immer wieder, dass Module umfallen, Paletten beschädigt werden oder Rückläufer entstehen. Dabei kommen größere Mengen an Modulen zusammen, die sich für den Erstmarkt nicht mehr eignen – teilweise aus optischen Gründen, vor allem aber wegen möglicher Schäden, die man von außen nicht erkennt.

Im Erstmarkt möchte man solchen Risiken natürlich aus dem Weg gehen.

Und wie viele der Module, die Sie bekommen, erhalten tatsächlich ein zweites Leben?

Die Module, die wir bekommen, wählen wir aktuell noch sehr gezielt aus. Wir sprechen mit unseren Lieferanten und fragen nach den Gründen, warum Module aussortiert oder ersetzt werden sollen. So können wir einschätzen, wie hoch der Anteil wiederverwendbarer Module ist.

Bei uns liegt die Quote aktuell bei etwa 90 Prozent wiederverwendbaren Modulen und zehn Prozent Recycling.

Wenn man sich allerdings den gesamten Modulmarkt anschaut, gehen Studien davon aus, dass ungefähr jedes zweite Solarmodul eigentlich wiederverwendbar wäre.

Was passiert genau, wenn ein altes Modul bei Ihnen ankommt?

Im Prüfprozess orientieren wir uns an ähnlichen Testverfahren wie die Hersteller von Neumodulen. Dadurch lassen sich die Ergebnisse gut vergleichen.

Zuerst schauen wir uns das Modul äußerlich an: Ist der Rahmen intakt? Ist das Glas intakt? Wie sieht die Rückseite aus? Wenn es Glasbruch gibt oder die Rückseite rissig und spröde ist, fällt das Modul als wiederverwendbares Modul aus. Danach prüfen wir die Leistung. Das ist die wichtigste Kenngröße: Wie viel Watt hatte das Modul ursprünglich und wie viel Leistung bringt es heute noch nach mehreren Jahren? So können wir feststellen, wie stark das Modul tatsächlich gealtert ist – also ob besser oder schlechter als vom Hersteller angegeben. Zusätzlich prüfen wir die elektrische Sicherheit und schauen uns die Zelloberflächen an. Siliziumzellen können Mikrorisse oder sogenannte Hotspots aufweisen, die man mit bloßem Auge nicht erkennt. Diese können langfristig zu Leistungsverlusten führen oder sich mit der Zeit vergrößern.

Alle diese Testdaten bewerten wir zusammen, um zu entscheiden, ob ein Modul Second-Life-fähig ist oder nicht.

Und dann kann man die Module in einem Onlineshop bei Ihnen kaufen?

Genau. Man kann einzelne Module kaufen oder auch kleinere Sets, etwa Balkonkraftwerke. Das sind fertige Sets, die direkt aufgebaut werden können. Außerdem arbeiten wir mit Partnerunternehmen zusammen, die Montage, Installation, Planung und weiteres Equipment übernehmen. Wir konzentrieren uns vor allem auf das Prüfen und den Wiederverkauf der Module.

Müssen Sie viel Überzeugungsarbeit leisten für gebrauchte Solarmodule?

Das ist unterschiedlich. Es gibt auf jeden Fall eine Gruppe von Menschen, die man gar nicht überzeugen muss – die finden das einfach cool. Das sind oft Leute, die gerne selbst bauen oder tüfteln. Für die ist so etwas perfekt, etwa wenn sie ein bestimmtes Modul suchen oder ohnehin vieles selbst machen möchten.

Auf Veranstaltungen oder Messen treffen wir aber natürlich die unterschiedlichsten Menschen. Da merkt man schon: Manche sind offen für Second-Hand-Produkte, andere würden unabhängig von den Argumenten immer neu kaufen. Grundsätzlich kaufen oder würden aber ungefähr ein Drittel der Menschen in Deutschland Second-Hand-Produkte kaufen – unabhängig vom Produktbereich.

Was wir auf jeden Fall merken: Man muss Sichtbarkeit schaffen. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass gebrauchte Solarmodule überhaupt existieren. Und gebraucht heißt eben auch nicht automatisch, dass ein Modul 20 Jahre alt ist. Manche unserer Module sind erst zwei oder drei Jahre alt und damit noch sehr neu. Deshalb braucht es auch Aufklärung darüber, wie langsam Solarmodule eigentlich altern und dass auch ein gebrauchtes Modul noch ein langes Leben vor sich haben kann.

Wie viele Module haben Sie im letzten Jahr verkauft?

Ich würde schätzen: ungefähr 3.000 Stück.

Können Sie sagen, wie viel CO₂ oder Ressourcen durch den Prozess eingespart werden können?

Unsere Rechenlogik basiert darauf, dass durch die Wiederverwendung eines Moduls anteilig die Herstellung eines neuen Moduls eingespart wird.

Wir haben deshalb berechnet, wie viel CO₂ bei der Herstellung eines neuen Moduls entsteht. Dabei kommen wir auf ungefähr 162 Kilogramm CO₂-Äquivalente, die durch die Wiederverwendung eines Second-Life-Moduls eingespart werden können. Wobei solche Berechnungen natürlich immer etwas schwierig sind. Gerade die Herstellung von Silizium ist sehr energieintensiv: Das Material muss im Hochofen hergestellt und anschließend in mehreren chemischen Schritten aufgereinigt werden. Dadurch entsteht ein hoher CO₂-Input. Gleichzeitig ist bei solchen Lebenszyklusanalysen immer die Frage, wo genau man die Systemgrenzen zieht und welche Prozesse man einbezieht oder nicht. Aber ungefähr mit diesem Wert rechnen wir aktuell.

Was denken Sie, was passieren muss, damit die Energiewende in Deutschland wirklich zirkulär wird?

Meiner Meinung nach wäre es wichtig, schon bei der Produktion an das Ende eines Produkts zu denken.

Häufig werden Produkte möglichst kostengünstig hergestellt – vielleicht auch langlebig, aber eben nicht mit dem Gedanken daran, dass sie irgendwann wieder auseinandergenommen oder recycelt werden müssen. Dann stehen Recycling- oder Wiederverwendungsunternehmen später vor der Aufgabe, Prozesse zu entwickeln, um Produkte auseinanderzubauen, die eigentlich nie dafür konzipiert wurden. Und gleichzeitig müssen sie günstiger sein als Neuprodukte oder neue Rohstoffe. Ein Second-Life-Modul muss günstiger sein als ein neues Modul. Rezyklate müssen günstiger sein als neue Rohstoffe. Das ist natürlich ein schwieriger Wettbewerb – vor allem dann, wenn CO₂-Einsparungen wirtschaftlich kaum berücksichtigt werden. Deshalb wäre es wichtig, schon ganz am Anfang bei der Produktentwicklung mitzudenken: Was passiert am Ende mit diesem Produkt? Welche Materialien stecken darin? Welche kritischen Ressourcen müssen wir unbedingt zurückgewinnen? Denn wenn wir Silber oder Silizium nicht zurückholen, werden wir irgendwann schlicht keine neuen Module mehr herstellen können. Das wäre für mich der entscheidende Schritt, um die Energiewende wirklich als funktionierende Kreislaufwirtschaft zu gestalten.