Totschweigen und ignorieren von Umwelteffekten - durch imperiale Lebensweise in den Abgrund?

Titel_Brand_Imperial_cmyk_Presse_72dpiHaben wir die Zeiten des Imperialismus nicht längst hinter uns gelassen? In ihrem Buch „Imperiale Lebensweise“ bestreiten Ulrich Brand und Markus Wissen das. Denn „imperiale Lebensweise“ bestimmt sich für sie durch Muster des Produzierens und Konsumierens. Der Begriff beschreibt für sie das, was wir umgangssprachlich gesagt als das „Über unsere Verhältnisse leben“ bezeichnen. Die imperiale Lebensweise gab es für die Autoren aber auch schon im 16. Jahrhundert zu Zeiten des Kolonialismus. Damals wie heute sehen sie die Landnahme und Ausbeutung des Bodens als ein Charakteristikum der imperialen Lebensweise.

Doch ist der Begriff hilfreich, um so unterschiedliche Epochen wie die Ausbeutung Lateinamerikas in der beginnenden Neuzeit einerseits und einseitige Wirtschaftsbeziehungen in der Ära der Globalisierung andererseits zu vergleichen? Der Kolonialismus habe wichtige wirtschaftliche und politische Voraussetzungen für die weitere Entwicklung Europas geschaffen, heißt es in dem Buch. Er habe nicht nur auf territorialer Expansion und Landnahme gegründet, sondern auch auf der Transformation der Gesellschaften und ab dem 18. Jahrhundert auf der Nutzung fossiler Energieträger. Wenn man erwägt, in welchem Maße sich Industriestaaten nach wie vor an den ökologischen und sozialen Ressourcen des globalen Südens bedient, so rücken die Begriffe Globaler Kapitalismus und Imperialismus wieder näher zusammen, wird in dem Band argumentiert. Denn die von Industriestaaten geprägten Produktions- und Konsummuster erfordern einen unverhältnismäßig großen Zugriff auf Ressourcen und Arbeitskraft der restlichen Welt. So sprechen die Autoren mit Blick auf die sozialen und Umweltkosten des Autofahrens von „imperialer Automobilität“. Ein wichtiges Kennzeichen der imperialen Lebensweise ist nach Lesart der Autoren nicht zuletzt das Totschweigen oder Ignorieren der Umwelteffekte unseres Lebensstils. Das sehen sie beispielhaft beim Autofahren und der einhergehenden Beanspruchung von Raum und Ressourcen am Werk. Der Pkw ist eines der wenigen Beispiele, anhand dessen sie die „imperiale Lebensweise“ durchdeklinieren. An vielen anderen Stellen bleibt das Buch thesenhaft und rekurriert zum Teil zu stark auf andere Werke, so dass der Argumentation nicht immer leicht gefolgt werden kann.

Skepsis an wirksamer Bepreisung von Umweltkosten

Zweifel melden die Autoren an der Reformfähigkeit des heutigen Wirtschaftssystems an. Die Internalisierung externer Kosten, z.B. durch eine Bepreisung des Kohlendioxidausstoßes, sehen die Autoren skeptisch: „Ausgeblendet wird, dass Ökosysteme nicht deshalb zerstört werden, weil ihnen kein Preisschild anhaftet, das die Kosten ihres Verlusts quantifizieren würde. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Rechte der Menschen (…), die in den entsprechenden Territorien leben, systematisch missachtet werden“, meinen Brand und Wissen mit Blick auf die Nachfrage nach Grund und Boden insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Strategien der grünen Landnahme und Inwertsetzung von Ökosystemdienstleistungen und Arbeitskraft drohten also gerade jene Voraussetzungen zum Erhalt von Natur zu untergraben, die sie zu bewahren vorgäben.

Mit den möglichen Chancen eines steigenden CO2-Mindestpreises als Marktanreiz und Regulierungsinstrument für den Energiesektor setzen sich die Autoren allerdings nicht auseinander. Vielmehr argumentieren sie grundsätzlich, „dass die Externalisierung sozial-ökologischer Kosten nicht einfach ein Marktversagen darstelle. Die kapitalistische Produktionsweise und die mit ihr korrespondierende imperiale Lebensweise tendieren systematisch dazu, negative Externalitäten zu produzieren“, so Brand und Wissen. Mit „Konturen einer solidarischen Lebensweise“ werden am Ende des Buches Überlegungen für ein Umsteuern präsentiert, die nicht zuletzt auf Konsumfragen fokussieren, so ein Verbannen von Coca-Cola-Automaten aus Schulen oder der Verzicht auf Fleischkonsum. Neben politischen und wirtschaftlichen Strategien geht es den Autoren zufolge darum, bestimmte Formen des Alltags nicht mehr leben zu wollen. Insgesamt bleibt dieses Abschlusskapitel aber zu kurz, um eine von den Autoren aufgeworfene Frage überzeugend zu beantworten -wie eine solidarische Lebensweise abgesichert, vorangetrieben und vor Rückschlägen geschützt werden kann.

Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus Oekom Verlag, ISBN: 978-3-86581-843-0 14,95 Euro

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht.

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