Mission Brüssel
Anfang März reiste die AEE mit einer Delegation aus der Ukraine, Bosnien-Herzegowina, der Republik Moldau und Deutschland nach Brüssel. Dreieinhalb Tage, gespickt mit Politik, Best Practice aus der Welt der Erneuerbaren sowie Nachhaltigkeit, Gastfreundschaft und ganz viel Wertschätzung.
Seit fast genau zwei Jahren begleiten wir im vom Auswärtigen Amt geförderten Projekt „Energiewende Partnerstadt“ die Städtepartnerschaften aus Deutschland, der Ukraine, Bosnien-Herzegowina und der Republik Moldau – Stuttgart/Bălți, Greifswald/Goražde, Düsseldorf/Czernowitz und Hoyerswerda/Novovolynsk – auf ihrem Pfad der Energiewende. Der Austausch in Online-Workshops, Meetings und gegenseitigen Besuchen sollte in einer gemeinsamen Reise nach Brüssel reflektiert und noch einmal mit neuen Eindrücken beflügelt werden.
Trotz teils langer und aufwendiger An- und Abreisen
erwartete die Delegation 48 Stunden mit zahlreichen Eindrücken, ganz viel Austausch untereinander und mit Expert*innen der lokalen Energiewende sowie der EU-Ebene. Die erste Station war ein Besuch der Europäischen Kommission. Hier konnte sich die Delegation mit Stephen Davies (Directorate-General for Maritime Affairs and Fisheries), Achille Hannoset (Unit Consumers, Local Initiatives, Just Transition Directorate General Energy) sowie Pawel Olechnowicz (Unit Smart and Sustainable Growth Directorate General Regional and Urban Policy) austauschen.
Am Nachmittag des ersten Programmtages besuchte die Delegation das Stadtentwicklungsprojekt „Tivoli GreenCity“ im Brüsseler Stadtteil Laeken, ein ehemaliges Industriegebiet. Es darf sich „nachhaltigstes Viertel der Welt“ nennen, da es beim international anerkannten Zertifizierungssystem zur Bewertung der Nachhaltigkeit städtebaulicher Groß- und Nachbarschaftsprojekte die höchste Punktzahl erreichte.
Knapp 400 Passiv- und Niedrigenergiehäuser tragen neben der bewussten Steigerung der Biodiversität durch zahlreiche Biotope genauso zur Nachhaltigkeit des Viertels bei wie das fortschrittliche System für das Wasser-, Abfall- und Energiemanagement. Photovoltaikanlagen auf allen Dächern decken den Strombedarf der Gemeinschaftsbereiche. 271 Wohnungen werden von citydev.brussels vermietet und 126 Sozialwohnungen von der Brussels Regional Housing Company, um eine soziale Mischung sicherzustellen. Öffentliche Plätze, zwei neue Kindertagesstätten tragen zur Lebensqualität genauso bei wie verkehrsberuhigte Straßen und 2.000 Quadratmeter Grünflächen.
Der zweite Programmtag begann mit einem Besuch der Heinrich-Böll-Stiftung European Union. Neben einer exzellenten Einführung in die Arbeit der Stiftung und die Bedeutung der Systemtransformation für den Ausbau der Erneuerbaren stand Jörg Mühlenhoff (Head of Programme - European Energy Transition der Heinrich-Böll-Stiftung European Union den Partnerstädten für Fragen und zur Einschätzung bezüglich europäischer Entwicklungen zur Verfügung. Darüber hinaus besuchten uns Christian Zörner (Head of Office and Policy
Advisor (Energy | Climate | Environment) at European Parliament | Andreas Glück) und Benedek Javor (Head of the Representation of Budapest to the EU) für Gespräche. Mit Christian Zörner ging es um die aktuelle und zukünftige Ausrichtung des EU-Parlaments in Bezug auf Erneuerbare Energien. Benedek Javor schilderte als Vertreter Budapests bei der EU die Schwierigkeiten der ungarischen Hauptstadt hinsichtlich ihrer nachhaltigen Bestrebungen und der gegenläufigen Bewegung der zum Zeitpunkt der Delegationsreise noch amtierenden nationalen Regierung.
Für den zweiten offiziellen Teil des Tages ging es in den Südosten Brüssels. Im Stadtteil Watermael-Boitsfort liegt die Gartenstadt Le Logis-Floréal. Die berühmte Gartenstadt aus den 1920er Jahren geht auf die Planungen und Entwürfe des Städteplaners Louis Van der Swaelmen und des Architekten Jean-Jules Eggericx zurück. Das Konzept der so genannten Garden City stammt aus dem Jahr 1898 von dem Briten Ebenezer Howard, dem Vater der Garden-City-Idee. Geboren aus den zum Teil katastrophalen Lebensbedingungen der Menschen in den britischen Industriestädten sollten die Vorteile des Landes wie frische Luft, Gemeinschaft, viel Grün etc. mit den Vorteilen der Stadt wie Arbeit und Kultur verbunden werden.
Le Logis-Floréal wurde so konzipiert, dass es sich der Landschaft anpasst. Die Bebauungsdichte liegt bei maximal 30 Wohnungen pro Hektar, Landschaftsarchitektur und Gebäude bilden eine harmonische Einheit. Zwischen 3.800 und 4.000 Menschen leben in der Gartenstadt, bei der es sich um eine Mietergenossenschaft handelt. Nahezu 100 Prozent werden als Sozialwohnungen verwaltet. Ein wunderbares Beispiel für gemeinschaftliches Wohnen, viel Naherholung und kollektive Verantwortung. Mittlerweile steht die Gartenstadt unter Denkmalschutz. Ein hohes Gut, welches aber die Steigerung der Energieeffizienz durch Sanierungen etc. erschwert. Die Kosten für denkmalgerechtes Sanieren sind so hoch, dass die Genossenschaft hier nur nach und nach vorankommt. Wärmepumpen dürfen nur in speziell dafür gebaute Gartenhäuser gestellt werden, die Installation von PV-Anlagen ist kaum möglich. Hintergrund hierfür ist der Ensembleschutz und die geforderte Erhaltung der Fassadenoptik. Die PV-Anlage auf der Rückseite des Hausdaches zu befestigen, ist so auch nicht möglich, da das Konzept der Gartenstadt sich nicht nur auf die Straßenfronten bezieht, sondern auch auf das Grün zwischen den Häusern. Es gibt Alleen, Straßen und Gassen. Letztere sind Fußwege zwischen den Häuserblöcken und Freiflächen. Die Alleen dienen der Anbindung der Gartenstadt an das Verkehrsnetz nach außen, beispielsweise zum Zentrum Brüssels. Die Straßen der inneren Erschließung der einzelnen Häuser sollen dadurch, dass sie kurvig, diagonal oder terrassiert angelegt sind, abwechslungsreiche Perspektiven für die Bewohner*innen und Besucher*innen schaffen.
Spannend war hier außerdem zu sehen, dass nicht nur die Delegation etwas über den Umgang mit diesen Hindernissen erfuhr, die sie vielleicht an manchen Orten in ihren Kommunen selbst erlebt. Vielmehr begannen die Partnerstädte während der Exkursion, den Vertreter*innen der Genossenschaft Anregungen zu Lösungsansätzen zu geben.
Unabhängig von den zahlreichen fachlichen Eindrücken durch die Delegationsreise wurde eines ganz deutlich. Über das Wissen um Erneuerbare Energien, Systemtransformation und Akzeptanzarbeit sind die acht Kommunen zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Dieser Prozess des Zusammenfindens und Inspirierens hat auch unsere Arbeit bei der AEE bereichert.
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