Energie-Kommune des Monats: Lingen (Ems)

Juni 2022

Im westlichen Niedersachsen ist die Stadt Lingen mit ihren 59.000 Einwohner*innen die größte Stadt im Landkreis Emsland und fungiert so als Mittelzentrum mit oberzentralen Funktionen für die Region. In unmittelbarer Nähe zu den benachbarten Niederlanden will die mittelgroße Stadt in den nächsten zehn Jahren zu einem Knotenpunkt im deutschen sowie europäischen Wasserstoffnetz werden. Über das ambitionierte Projekt GET H2 soll bis 2030 ein länderüberspannendes Netz zum Transport von grünem Wasserstoff aufgebaut werden. Gleichzeitig ist geplant, die Produktionskapazitäten von umweltfreundlichem Wasserstoff zu vervielfältigen. Ein Standort für die neuen Anlagen: die Stadt Lingen. Aber auch abseits davon überzeugt die Kommune, in der bereits durch Wind- und Solaranlagen erneuerbarer Strom produziert wird, mit einer Klimaoffensive. Diese hat durch den Beschluss des Stadtrats im Jahr 2020 ein neues Klimaschutzkonzept zu erstellen, neuerlichen Schwung erhalten.Olaf Lies, Landesminister für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz (dritter v.l.), übergibt u.a. Dieter Krone, OB der Stadt Lingen (sechster v.l.), den Zuwendungsbescheid über acht Millionen Euro für H2-Pilotanlage (Foto: Stadt Lingen).

Stadtwerke und Bürgerwindpark produzieren gemeinsam erneuerbaren Strom

Windpark Ochsensbruch im Norden der KernstadtLingen setzt nicht erst seit 2020 auf Erneuerbare Energien. Bereits im Jahr 2003 wurde der Windpark Lingen Ochsenbruch in Betrieb genommen. Der Park befindet sich nördlich der Kernstadt im Ortsteil Clusorth-Bramhar und ist der Standort für insgesamt 11 Windenergieanlagen. Sechs der elf Anlagen gehören den Stadtwerken und werden von ihnen betrieben. Die übrigen fünf Anlagen gehören zum Bürgerwindpark. Insgesamt erzeugen die Anlagen vom Typ Enercon E-66/18.70 mit einer Nabenhöhe von knapp unter einhundert Metern nachhaltigen Strom für rechnerisch über 7.700 Haushalte. Das entspricht einer Produktion von 27 Millionen Kilowattstunden jährlich.

Die Stadtwerke betreiben aber nicht nur eigene Anlagen, sondern unterstützen ebenso regionale Windparks durch die Vermarktung deren Stroms in der Kommune. So wird der Erhalt der vierzehn Bürgerwindenergieanlagen auch nach dem Auslaufen der EEG-Umlage gesichert und die Lingener*innen können sich sicher sein, dass ihr Strom nicht nur nachhaltig produziert wurde, sondern direkt aus der Region stammt.

PV-Dachanlage auf dem Gebäude der Tafel finanziert durch die StadtwerkeWer aber nicht nur Ökostrom beziehen, sondern diesen gleich selbst produzieren möchte, der kann sich von den Stadtwerken zur Möglichkeit einer eigenen PV-Dachanlage beraten lassen. Über verschiedene Modelle können die Anlagen entweder direkt erworben oder nur gemietet werden. Aufgrund der großen Nachfrage nach Solardachanlagen im Ort in Verbindung mit anhaltenden Lieferschwierigkeiten können für den Moment aber keine neuen Anfragen angenommen werden. Die hohe Nachfrage zeigt aber auch, dass die Bürger*innen bereit sind, auf dem eigenen Haus in die Energiewende zu investieren.

Gleichzeitig bemühen sich die Stadtwerke, mit klimafreundlichen Investitionen soziale Verwerfungen abzufedern. Mit der kostenfreien Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Dach der städtischen Tafel kann der gemeinnützige Verein langfristig seine Energiekosten reduzieren. Finanziert wurde die Anlage durch den Verkauf von Erneuerbaren Strom vollständig von den Stadtwerken. Solche Projekte zeigen beispielhaft, wie man Klimaschutz und sozialen Ausgleich zusammendenken kann.

Klimaneutrale Stadtverwaltung bis 2035 mit dem neuen Klimaschutzkonzept

„Klimaschutz ist bei uns in der Politik angekommen, deshalb hat der Rat der Stadt Lingen in der Sitzung vom 23. Januar 2020 beschlossen, ein Klimaschutzkonzept zu erstellen“, unterstreicht Oberbürgermeister Dieter Krone. „Die Verwaltung hat sich das Ziel gesetzt, 2035 eine klimaneutrale Verwaltung zu sein und somit eine Vorbildfunktion einzunehmen“, konkretisiert Sebastian Siemen, der Klimaschutzmanager der Stadt, die kommunale Zielsetzung weiter. Die Stadt will selbst einen Beitrag zum Klimaschutz leisten sowie mittels einer offensiven Kommunikationsstrategie ihren Bürger*innen zeigen, was möglich ist.

Inzwischen wurde das Konzept im Stadtrat verabschiedet und befindet sich zurzeit in der Umsetzung. Zentrale Eckpunkte des neuen Konzeptes sind unter anderem die Erstellung eines Energieleitfadens für städtische Liegenschaften, energetische Quartierssanierungen, Optimierung der Heizungsanlagen in städtischen Gebäuden, verstärkte Förderung der E-Mobilität sowie des Radverkehrs und die verstärkte Organisation von Informationsveranstaltungen für die Bürger*innen der Stadt.

Insbesondere im Wärmesektor können die Einsparpotenziale angehoben werden, bedenkt man, dass die Endenergie in kommunalen Einrichtungen 2019 noch zu 68 Prozent durch Erdgas bereitgestellt wurde. Sebastian Siemen erklärt deswegen, dass „insbesondere bei der Wärmewende ein sehr großes Potenzial zur Einsparung von CO2-Emissionen besteht“. Die Stadt will ein Vorbild für die Bürger*innen genauso wie die Wirtschaft sein und so privates Engagement und lokale Akzeptanz der Maßnahmen stärken.

Auch die Stadtwerke unterstützen die Verwaltung tatkräftig bei der Umsetzung der Wärmewende. Konzentriert wird sich zunächst auf den Aufbau eines städtischen Wärmenetzes. Begonnen wurde in dem Gebiet der Innenstadt mit dem Wärmenetz „Am Alten Hafen“. Aktuell soll das Wohngebiet „Brockhausen“ erschlossen werden. Weitere Quartiere werden in den nächsten Jahren sukzessive folgen. Insgesamt gehen die Stadtwerke von einer Reduktion der CO2-Emissionen um circa 50 Prozent bei angeschlossenen Quartieren - im Vergleich zu Wärme aus Heizkesseln und konventionellen Kraftwerken – aus. Diese Einsparungen werden durch die umweltfreundliche Produktion der Wärme mittels Kraft-Wärme-Kopplung möglich. Hier wird ansonsten ungenutzte Abwärme für den Heizprozess nutzbar gemacht und so dem Wärmenetz zugeführt. Ein bewährtes System, das in den nächsten Jahren möglichst weite Teile des Stadtgebietes versorgen soll. Der Ausbau der Elektrolysekapazitäten kann in den nächsten Jahren die Effizienz der Wärmeerzeugung noch weiter steigern. Koppelt man deren Abwärme mit dem Wärmesektor, kann die Herstellung von grünem Wasserstoff mit der Bereitstellung CO2-neutraler Wärme verbunden werden. Damit entsteht eine strommarkt- und netzdienliche Einbindung der Abwärme durch Sektorenkopplung.

GET H2 macht Lingen zum Knotenpunkt im neuen europäischen Wasserstoffnetz

Die Stadtverwaltung hat früh erkannt, dass Wasserstoff für die Erreichung der europäischen Klimaziele eine wichtige Rolle spielen wird. Gleichzeitig bietet sich die Chance für kommunale Pioniere, sich als Wirtschaftsstandort im neuen europäischen grünen Wasserstoffmarkt zu etablieren. Deswegen wird Lingen den Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur zukünftig im Rahmen des Projektes GET H2 aktiv mitgestalten. „Als Energieträger von morgen schafft grüner Wasserstoff eine wichtige Grundlage für die Energiewende und aktiven Klimaschutz“, erklärt Oberbürgermeister Krone und führt weiter aus: „In Lingen laufen dafür viele Stränge zusammen. Die RWE plant im ersten Schritt im Industriepark eine Elektrolyse-Anlage mit 100 Megawatt Leistung. Die BP beabsichtigt parallel zu ihrer Raffinerie den Bau einer 50-Megawatt-Anlage.“ Mittelfristig sollen die Erzeugungskapazitäten vor Ort auf zwei Gigawatt ansteigen. Damit würde die Stadt im Emsland sogar zur Weltspitze bei der Produktion von grünem Wasserstoff aufsteigen.

In vier Abschnitten wird das Mammutprojekt bis 2030 zum Abschluss gebracht. Der erste Abschnitt GET H2 Nukleus soll bis 2024 fertiggestellt werden. Geplant ist der Bau eines 130 Kilometer langen Wasserstoffnetzes von Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen, genauer von Gelsenkirchen nach Lingen. Zusätzlich dazu wird ein Elektrolyseur mit Nebenanlagen im Industriegebiet der Stadt installiert. Lingen bietet sich hier mit seiner Lage im Emsland als Standort an. Die Nähe zur Küste und Ruhrgebiet ermöglicht es der Stadt, zum einen Wasserstoff klimaneutral mittels Windstrom aus dem Norden im großen Stil herzustellen. Gleichzeitig sind mit dem Ruhrgebiet auch die Abnehmer*innen nicht weit entfernt. In den nächsten Projektabschnitten werden bis 2026 auch die Niederlande an das Wasserstoffnetz angeschlossen. Außerdem ist geplant die Elektrolysekapazitäten weiter auf 200 Megawatt auszubauen. Nach der Fertigstellung des zweiten Abschnittes rechnet die Stadt mit einem Einsparpotenzial von 70.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Anschließend wird Salzgitter als weiterer Knotenpunkt zur Herstellung von grünem Wasserstoff an das Netz angeschlossen. Nach Projektabschluss 2030 und der Verbindung aller Projektbausteine soll über das gesamte Projekt und über dessen Standorte hinweg ein Vermeidungspotenzial von bis zu 16 Millionen Tonnen CO2 gegeben sein. Diese Einsparungen werden nicht zuletzt durch die weitere Nutzung des grünen Wasserstoffes zur Produktion von CO2-freien Stahl, dessen Einsatzes in Raffinerien und weiteren industriellen Verfahren möglich. Bis 2030 will Lingen mit GET H2 zum wichtigen Standort der bundesdeutschen Wasserstoffinfrastruktur werden. Diese wird das Rückgrat eines neuen dynamischen europäischen Wasserstoffmarktes bildfen und somit einen entscheidenden Baustein für die Energiewende darstellen.

 Landkreis Emsland wird „HyLand“. Eine von insgesamt 16 Wasserstoffregionen in Deutschland mit einer Bundesförderung von 300.000 Euro.GET H2 ist aber nicht das einzige Projekt, mit dem die Stadt die lokale Wasserstoffwirtschaft fördert. In verschiedenen Projekten zum Beispiel der „H2-Region Emsland“ ist die Kommune gemeinsam mit dem Landkreis an der Finanzierung beteiligt. Sowohl Stadt als auch Landkreis dienen dort als Ansprechpartner*in für unterschiedliche Akteure*innen im Bereich Wasserstoff. Durch die Schaffung einer Plattform zum Austausch und Dialog für alle Stakeholder*innen sollen Herausforderungen schnell identifiziert werden sowie Zielkonflikte aufgelöst werden, die dem Ausbau des Wasserstoffstandortes Lingen entgegenstehen könnten.