Elena Nicolaev im Gespräch: Quick Wins für Bălți

Bălți hatte noch nie eine*n Energiemanager*in. Wie ist es, die Erste zu sein?

Es ist eine große Verantwortung, aber auch eine einzigartige Chance. Als erste Energiemanagerin der Stadt Bălți übernehme ich kein bestehendes System – ich baue das gesamte kommunale Energiemanagement praktisch von Grund auf auf: Regeln, Verfahren, klare Indikatoren und Mechanismen zur Überwachung des Energieverbrauchs. Es ist eine Mischung aus Druck und Begeisterung. Mir ist bewusst, dass die Entscheidungen und Standards, die wir jetzt festlegen, in den kommenden Jahren das Energiemanagement der Stadt prägen werden. Deshalb konzentriere ich mich darauf, ein einfaches, funktionales und gut messbares System zu entwickeln, das konkrete Ergebnisse liefert: geringeren Verbrauch, niedrigere Energiekosten für öffentliche Einrichtungen und Investitionen dort, wo sie die größtmögliche Wirkung für die Energieeffizienz entfalten.

Welcher Teil Ihrer Arbeit motiviert Sie am meisten?

Am meisten motiviert mich, den direkten und messbaren Einfluss meiner Arbeit zu sehen: reale Einsparungen beim Energieverbrauch und spürbare Entlastungen des öffentlichen Haushalts. Wenn ich sehe, dass einfache Maßnahmen wie technische Anpassungen oder eine optimierte Betriebsweise von Anlagen die Energiekosten senken und die eingesparten Mittel anderen Bedürfnissen der Bürger*innen zugutekommen, habe ich das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Dass diese Arbeit zugleich zu einer effizienteren und widerstandsfähigeren Stadt beiträgt, ist für mich ein zusätzlicher, sehr starker Antrieb.

Wie würden Sie nach den ersten Monaten „normalen“ Bürger*innen die Energieeffizienzmaßnahmen und Klimaanpassungsfähigkeit der Stadt erklären?

Ganz einfach: Energieeffizienz bedeutet, dass die Stadt dieselbe Leistung erbringt – aber deutlich weniger verschwenderisch. Die Schulen sind genauso gut beleuchtet, Kindergärten und Krankenhäuser bleiben angenehm warm, alle öffentlichen Dienstleistungen werden weiterhin angeboten – nur verbrauchen wir dafür viel weniger Strom und Wärme. Wie erreichen wir das? Durch besser gedämmte Gebäude, richtig eingestellte Heizsysteme, moderne LED-Beleuchtung und kontinuierliches Monitoring, damit wir genau erkennen, wo Geld „verloren geht“, und diese Verluste abstellen können.
Klimaanpassungsfähigkeit bedeutet, wie gut die Stadt mit extremen Wetterereignissen umgehen kann, die immer häufiger auftreten: lange Hitzeperioden, Starkregen, Winter mit plötzlichen Temperaturschwankungen oder anhaltende Trockenheit. Eine widerstandsfähige Stadt reagiert nicht nur, wenn es Probleme gibt – sie bereitet sich frühzeitig vor: Sie verringert die Abhängigkeit von teuren, instabilen Energiequellen, stärkt öffentliche Gebäude, plant vorausschauend und investiert in robuste Infrastruktur – etwa durch Stadtbegrünung oder den Ausbau lokaler Energiequellen. Kurz gesagt: Energieeffizienz bedeutet: „Wir geben weniger aus, um denselben Komfort und dieselben Leistungen zu erhalten.“ Resilienz bedeutet: „Wir sind vorbereitet, damit uns unvorhersehbares Wetter nicht überrascht.“ In beiden Fällen geht es um besseren Komfort in öffentlichen Gebäuden, besser steuerbare Kosten und eine langfristig sicherere Stadt.

Welche Rolle spielen Sie selbst in diesem Prozess?

Meine Aufgabe ist es, die Energiedaten der Stadt systematisch zu sammeln und zu analysieren, um ein klares, vergleichbares Bild der Verbrauchsmuster zu erhalten. Auf dieser Grundlage identifiziere ich Verluste, ihre Ursachen und realistische Einsparpotenziale. Anschließend erarbeite ich konkrete Empfehlungen, sowohl technische Lösungen als auch organisatorische Maßnahmen, die schrittweise umgesetzt und anhand klarer Indikatoren überprüft werden können. Gleichzeitig unterstütze ich die Stadtverwaltung dabei, Entscheidungen auf Grundlage belastbarer Zahlen und realer Wirkungen zu treffen – nicht auf Basis von Annahmen. Im Kern fungiere ich als Bindeglied zwischen technischer Analyse, politischen Entscheidungsträger*innen und der praktischen Umsetzung, damit das gesamte Energiemanagementsystem stimmig funktioniert und messbare Ergebnisse liefert.

Gibt es Herausforderungen, wenn man neu in der Stadtverwaltung ist? Wie bauen Sie Vertrauen auf?

Ja, die gibt es zwangsläufig. Wenn man neu in einer kommunalen Verwaltung ist, vor allem in einem vergleichsweise neuen Bereich wie dem Energiemanagement, braucht es eine gewisse Eingewöhnungszeit. Man stößt anfangs oft auf Skepsis nach dem Motto „noch eine Initiative, die vielleicht nicht von Dauer ist“, auf Veränderungsresistenz und die Vorliebe für vertraute Routinen. Ich baue Vertrauen durch offene Kommunikation und größtmögliche Transparenz auf. Ich erkläre immer, warum ich bestimmte Maßnahmen vorschlage, was sie konkret bedeuten und wie wir die Ergebnisse messen werden. Wenn die Menschen die Logik dahinter verstehen und sehen, dass nichts verborgen bleibt, wird Zusammenarbeit viel einfacher. Ich habe großen Respekt vor der praktischen Erfahrung vor Ort: Techniker*innen und Institutionsleiter*innen kennen die realen Probleme am besten. Meine Rolle ist es, diese Erfahrungen in praktikable Lösungen zu übersetzen – nicht nur in Theorie, sondern in Maßnahmen, die sich tatsächlich umsetzen lassen. Gleichzeitig setzen wir auf gemeinsame Arbeitstreffen und Schulungen und arbeiten als Team, damit wir dieselbe Sprache sprechen und dieselben Ziele verfolgen.

Wäre es sehr anders, wenn Sie statt als Energiemanagerin als Finanzmanagerin arbeiten würden?

Ja, das wäre etwas völlig anderes. Eine Energiemanagerin beschäftigt sich nicht nur mit finanziellen Einsparungen, sondern auch mit Energieeinsparungen, technischen Systemen, Verhaltensmustern und langfristigen Strategien. Diese Rolle vereint technische, wirtschaftliche und ökologische Aspekte mit direktem Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen und die Nachhaltigkeit der Stadt. Genau das schätze ich besonders an diesem Beruf: Ich erlebe konkrete Veränderungen im Alltag der Menschen, nicht nur Veränderungen in Zahlenkolonnen.

Sie haben zuvor für die moldauische NGO CONSENS gearbeitet. Was genau macht CONSENS?

Kurz gesagt: AO CONSENS ist eine Nichtregierungsorganisation, die regional tätig ist und die nachhaltige Entwicklung von Gemeinden und der Gesellschaft insgesamt unterstützt. Sie arbeitet in den Bereichen sozioökonomische Politik, lokale Entwicklung, Bürger*innenbeteiligung, gute Regierungsführung, soziale Ökonomie sowie Nachhaltigkeit und trägt aktiv zur Energiewende auf lokaler und nationaler Ebene bei.

Werden Sie nur für eine bestimmte Zeit als Energiemanagerin in Bălți tätig sein? Wie kann die Entwicklung nach Ihrem Weggang weitergeführt werden?

Ja, die Stelle ist zeitlich befristet. Gerade deshalb ist es so wichtig, ein tragfähiges System aufzubauen: klare Verfahren, Energiedatenbanken, qualifiziertes Personal und eine feste Verankerung des Energiemanagements in der dauerhaften Verwaltungsstruktur der Stadt Bălți. Gemeinsam mit dem Team setzen wir unter anderem folgende Punkte um:

  • Erstellung verbindlicher strategischer Dokumente wie der Verordnung über nachhaltige Energie und Energiemanagement in städtischen Gebäuden sowie dem kommunalen Energieaktionsplan, die unabhängig von der jeweils besetzten Stelle gelten
  • Institutionalisierung von Prozessen wie kontinuierliches Verbrauchsmonitoring und Verfahren für umweltfreundliche öffentliche Beschaffung
  • Einbindung des Stadtrats und des Bürgermeisters in langfristige energie- und klimapolitische Verpflichtungen
  • Aufbau dauerhafter Partnerschaften mit externen Institutionen, die auch dann weiterbestehen, wenn ich meine Aufgabe hier beendet habe

Wenn wir am Ende Daten, Richtlinien, Verfahren, qualifizierte Mitarbeitende und offiziell verabschiedete Verpflichtungen hinterlassen, setzt sich die Entwicklung von selbst fort – sie hängt dann nicht mehr von einer Person, sondern von einem stabilen kommunalen System ab.

Angesichts der hohen Energiepreise – welche „Quick Wins“ haben Sie für sofortige Einsparungen identifiziert?

Die schnellsten Einsparungen kommen aus kleinen Maßnahmen, die sofort Energieverschwendung reduzieren, ohne große Investitionen zu erfordern: die korrekte Einstellung der Heizsysteme, sorgfältiges Verbrauchsmonitoring, Beseitigung offensichtlicher Verluste und Optimierung der Beleuchtung. Auf Ebene der einzelnen Einrichtungen führen wir kurzfristige Energieaudits in Schulen und Kindergärten durch, um simple Verluste zu vermeiden – etwa tropfende Wasserhähne, dauerhaft gekippte Fenster oder unnötig beleuchtete Räume. Solche Eingriffe kosten kaum Geld, können aber schon nach wenigen Monaten deutlich niedrigere Energiekosten bewirken.

Wie bewerten Sie Projekte wie „Energiewende Partnerstadt 3.0“? Welche Rolle können Erneuerbare Energien spielen?

Das Projekt ist hervorragend und für Bălți hochrelevant. Solche Initiativen sind sehr wertvoll, weil sie konkrete Beispiele und bewährte internationale Best Practices in die Stadt bringen. Die Partnerschaft mit Stuttgart eröffnet uns Zugang zu deutschem Know-how in Energieeffizienz, Stadtmanagement und der Akquise von Investitionen. Es ist ein sehr gutes Beispiel für eine Ost-West-Zusammenarbeit, die Städten wie Bălți hilft, erprobte Lösungen zu übernehmen. Deutsche Fördermittel schaffen langfristige Stabilität – eine zentrale Grundlage für Energiesicherheit und eine geringere Abhängigkeit von Energieimporten.

Welche Rolle können Erneuerbare Energien in Bălți und generell in der Republik Moldau spielen?

Erneuerbare Energien können sowohl für die Stadt Bălți als auch für die Republik Moldau insgesamt eine Schlüsselrolle spielen. Vor allem stärken sie die Energiesicherheit, weil sie die Abhängigkeit von Energieimporten verringern – eine der großen strukturellen Schwächen des Landes. In Bălți sehe ich das größte kurzfristige Potenzial in der Solarenergie: Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden, etwa Schulen, Kindergärten, dem Rathaus und Krankenhäusern, können einen erheblichen Teil des eigenen Strombedarfs decken und den kommunalen Haushalt deutlich entlasten. Für Moldau insgesamt sind Erneuerbare Energien nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche und strategische Chance: Sie stabilisieren die Energiekosten mittel- und langfristig, fördern lokale Investitionen und schaffen Arbeitsplätze. Die besten Ergebnisse erzielen wir, wenn Erneuerbare Energien mit konsequenten Energieeffizienzmaßnahmen kombiniert werden – beides greift ideal ineinander. Langfristig tragen Erneuerbare dazu bei, dass Städte und Gemeinden widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels werden, mehr Energieautonomie gewinnen und besser auf zukünftige Energiekrisen vorbereitet sind.