"Die Herausforderung besteht darin, akute Investitionen so zu gestalten, dass sie zugleich langfristige soziale und räumliche Ziele unterstützen"

Von der städtischen Governance bis zur Klimafinanzierung: Im Interview erklärt Alokananda Nath, Expertin für Stadtplanung und Projektmanagerin bei der Frankfurt School of Finance and Management, wie Städte Klimarisiken meistern, soziale Teilhabe sichern und ambitionierte Ziele in konkrete, umsetzbare Projekte verwandeln.

Ihr beruflicher Weg führt von Stadtverwaltung über Klimaanpassung bis hin zu nachhaltiger Finanzierung. Wie kam es dazu – und was treibt Sie angesichts der wachsenden Klimabelastungen an?

Mein beruflicher Fokus lag von Beginn an auf Urban Governance. In der Arbeit mit Städten, die unter Hitzestress, Überschwemmungen oder informellem Wachstum leiden, wurde mir schnell klar: Klimaanpassung scheitert selten an Technik, sondern meist an institutionellen Strukturen und fehlender Finanzierung.

Ich habe immer wieder erlebt, dass gut ausgearbeitete Klimastrategien in der Praxis nicht greifen, weil Zuständigkeiten zersplittert sind oder geeignete Finanzierungsinstrumente fehlen. Obwohl mein akademischer Hintergrund nicht im Finanzbereich liegt, habe ich mich deshalb zunehmend mit nachhaltiger Finanzierung beschäftigt – nicht als Selbstzweck, sondern als Schlüssel zur Umsetzung. In verschiedenen Regionen zeigte sich, dass Städte mit vergleichbaren Klimarisiken sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielen, je nachdem, wie gut sie Planung, Haushaltsführung und Investitionen miteinander verzahnen.

Heute, in einer Zeit des „veränderten Klimas“, planen Kommunen nicht mehr für abstrakte Zukunftsrisiken, sondern reagieren auf akute Krisen. Genau das macht die Verbindung von Klimafinanzierung und Governance so dringend – und motiviert mich weiterhin.

Sie haben in der EU, der MENA-Region und in Indien gearbeitet. Wo liegen die größten Unterschiede – und wo vielleicht auch Gemeinsamkeiten im Umgang mit inklusiver Entwicklung und Klimaanpassung?

Was mich am meisten überrascht hat, sind weniger die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten. In allen Regionen ist fragmentierte Entscheidungsfindung eines der größten Probleme. Zuständigkeiten sind oft auf verschiedene Behörden verteilt, die nur unzureichend koordiniert sind.

Die Unterschiede zeigen sich vor allem in institutioneller Stärke und finanzieller Autonomie. Europäische Städte verfügen meist über stabilere Planungsrahmen, während Städte in der MENA-Region und in Indien häufig eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit unter knappen Ressourcen zeigen.

Unabhängig vom geografischen Kontext stehen jedoch alle Städte vor der gleichen Herausforderung: Klimapolitik, Infrastrukturplanung und soziale Entwicklung werden zu oft getrennt gedacht. Inklusive Klimapolitik ist daher weniger eine Frage des Ortes als der Governance.

Nachhaltige Finanzierung gilt als Schlüssel für urbane Transformationen, doch viele deutsche Kommunen sind hoch verschuldet. Wo sehen Sie die größten Chancen – und die größten Lücken?


Deutsche Kommunen arbeiten unter hohen klimapolitischen Ansprüchen und strengen Regulierungen, stehen aber gleichzeitig unter massivem finanziellem Druck. Diese Situation ist weniger das Ergebnis fehlenden politischen Willens als vielmehr struktureller Rahmenbedingungen wie föderaler Finanzsysteme und Schuldenregeln.

Das größte Defizit liegt nicht im Zugang zu Kapital, sondern im Zugang zu technischer Unterstützung und Risikoteilung. Gleichzeitig gibt es echte Chancen, etwa durch Blended Finance, Kooperationen zwischen Städten und eine stärkere Nutzung von EU-Finanzierungsinstrumenten.

Ob diese Instrumente wirken, hängt entscheidend davon ab, ob Kommunen Unterstützung dabei erhalten, Klimaziele in konkrete, finanzierbare Projekte zu übersetzen und in ihre bestehenden Haushalts- und Planungsprozesse zu integrieren.

Programme wie NetZeroCities sollen ambitionierte Klimastrategien in die Praxis bringen. Was entscheidet darüber, ob das gelingt?

Erfolgreich sind solche Programme dann, wenn sie nicht neben bestehenden Strukturen laufen, sondern fest in die kommunale Verwaltung und Finanzplanung eingebettet sind. Drei Faktoren sind dabei zentral: klare institutionelle Verantwortung, die Verknüpfung mit Haushaltsprozessen und kontinuierlicher Kapazitätsaufbau.

Klimaziele lassen sich nur umsetzen, wenn sie in Investitionsentscheidungen, Projektpipelines und Budgetzyklen übersetzt werden. Programme wie NetZeroCities leisten hier einen wichtigen Beitrag, indem sie technische Unterstützung bieten, den Erfahrungsaustausch fördern und Kommunen helfen, bankfähige und sozial ausgewogene Projekte zu entwickeln.

Stadtplanung denkt langfristig – Klimafolgen sind längst Realität. Wie können Städte kurzfristige Resilienz und langfristige Entwicklung verbinden?


Der vermeintliche Gegensatz zwischen kurzfristigem Krisenmanagement und langfristiger Stadtentwicklung ist irreführend. In der Praxis lassen sich beide Ansätze miteinander verbinden.

Maßnahmen wie Hochwasserschutz, hitzeresiliente öffentliche Räume oder naturbasierte Lösungen sind oft lokal verankert und liegen in kommunaler Verantwortung. Werden sie jedoch nur als Notfallreaktionen umgesetzt, bleibt ihr Potenzial für eine nachhaltige Stadtentwicklung ungenutzt. Die Herausforderung besteht darin, akute Investitionen so zu gestalten, dass sie zugleich langfristige soziale und räumliche Ziele unterstützen.

Finanz- und Stadtplanung gelten als wenig diverse Bereiche. Welche Folgen hat das für die Projekte, die dort entstehen?

In beiden Bereichen sind Entscheidungsprozesse häufig von ähnlichen beruflichen und sozialen Hintergründen geprägt. Als Frau in diesem Umfeld habe ich erlebt, dass Perspektiven, die nicht dem Mainstream entsprechen, oft fehlen – nicht aus Absicht, sondern aus Gewohnheit.

Das kann dazu führen, dass Projekte zwar technisch überzeugend sind, aber die Lebensrealitäten jener Menschen aus dem Blick verlieren, die Klimafolgen am stärksten spüren. Mehr Vielfalt bedeutet hier keinen Mehraufwand, sondern bessere Ergebnisse: Sie hilft, blinde Flecken zu erkennen und Strategien zu entwickeln, die sowohl tragfähig als auch sozial verankert sind.

Wenn Sie in die kommenden Jahre blicken: Welche systemischen Veränderungen möchten Sie besonders vorantreiben?

Mich beschäftigt vor allem die Lücke zwischen ambitionierten Zielen und ihrer tatsächlichen Umsetzung. Viele Kommunen kommen trotz hoher Motivation kaum über Pilotprojekte hinaus.

Mein Ziel ist es, dazu beizutragen, dass Klimafinanzierung fester Bestandteil kommunaler Entscheidungsprozesse wird – nicht als Sonderprogramm, sondern als Normalfall. In Zeiten sich beschleunigender Klimakrisen ist dieser Schritt nicht nur notwendig, sondern überfällig.


Hier können Sie das Original-Interview auf Englisch nachlesen.