Regionale Kooperation für smarte Zukunft
Der Rhein-Erft-Kreis baut derzeit einen eigenen Digitalen Zwilling auf und verknüpft diesen eng mit dem benachbarten Rhein-Kreis Neuss. Anna Stenz, Koordinatorin für Digitale Infrastruktur des Rhein-Erft-Kreises, erklärt im Interview, wie diese interkommunale Modellregion dazu beiträgt, Verwaltungsprozesse zu digitalisieren, den Strukturwandel zu gestalten und die regionale Resilienz gegen Krisen und Klimafolgen zu stärken.
Was war der ausschlaggebende Impuls, die bisherigen Digitalisierungsansätze im Rhein-Erft-Kreis nun mit dem Rhein-Kreis Neuss über eine offizielle Vereinbarung zu einer gemeinsamen Modellregion für digitale Zwillinge zusammenzuführen?
Der Rhein-Erft-Kreis und der Rhein-Kreis Neuss stehen als Nachbarn im Rheinischen Revier vor vergleichbaren Herausforderungen. Der Strukturwandel, die Klimaanpassung, die Digitalisierung der Verwaltung sowie die Weiterentwicklung der Infrastruktur erfordern neue Lösungen. Digitale Zwillinge können dabei helfen.
Bereits vor Beginn der Aufbauphase eines eigenen Digitalen Zwillings hat sich der Rhein-Erft-Kreis mit dem Rhein-Kreis-Neuss ausgetauscht. Da zahlreiche Planungs- und Entwicklungsaufgaben nicht an kommunalen Grenzen enden, können beide Projekte stark voneinander profitieren. Unsere Kooperation bietet die Möglichkeit, Erfahrungen zu bündeln, voneinander zu lernen und gemeinsame Standards zu entwickeln. Auf diese Weise entstehen die beiden Digitalen Zwillinge nicht voneinander getrennt, sondern berücksichtigen die gegenseitigen Entwicklungen der jeweiligen Daten- und Analyseplattformen.
Die im Juni geschlossene Absichtserklärung ergänzt den bisherigen, intensiven Austausch um einen verbindlichen Rahmen.
Vor dem Hintergrund von Extremwetterereignissen und den Zielen im Klimaschutz: Wie unterstützt die Geodaten-Plattform konkret dabei, Hochwasserszenarien zu simulieren und Klimaschutz- sowie Anpassungsmaßnahmen datengestützt zu planen?
Mithilfe des Digitalen Zwillings wollen wir konkrete Szenarien simulieren. Mit der Visualisierungsfähigkeit des Digitalen Zwillings können vergangene und fiktive Hochwasser- oder Starkregenereignisse dargestellt werden. Ergänzt durch Geofachdaten und echtzeit-nahe Informationen aus unterschiedlichen Quellen kann ein digitales, sich fortlaufend aktualisierendes Bild der Region entstehen. Der Zwilling berücksichtigt geografische Faktoren, wie Senken oder Erhebungen, die wichtige Erkenntnisse über Wasserstaubereiche oder Abfließgeschwindigkeiten in einer Hochwasserlage geben können. Außerdem kann aufgezeigt werden, welche wichtigen Infrastrukturen oder Verkehrswege aller Voraussicht besonders von einem solchen Ereignis betroffen wären.
Krisen machen an Grenzen nicht halt. Wie gestalten Sie die technische und organisatorische Zusammenarbeit zwischen den beiden Nachbarkreisen konkret in der Praxis?
Der konkrete Austausch über die in den jeweiligen Kreisen in der Entwicklung befindlichen Anwendungen wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Ein Schwerpunkt liegt darauf, gemeinsame Datenstandards zu entwickeln, zu testen und anzuwenden. Die Systeme sollen potenzielle Schnittstellen so miteinander verbinden, dass Informationen weitestgehend für beide Projekte nutzbar werden.
Besonders in Krisensituationen ist ein gemeinsames Lagebild sehr hilfreich. Wenn die Daten vergleichbar und miteinander kompatibel sind, ist eine schnellere Abstimmung und bessere Koordinierung von Maßnahmen über Verwaltungsgrenzen hinweg möglich.
Vor welchen technischen, rechtlichen oder organisatorischen Hürden standen Sie bisher beim Aufbau dieses digitalen Ökosystems, und wie haben Sie diese gelöst?
Bislang stehen Fragen des jeweiligen Systemaufbaus und konkrete Anwendungsfälle im Vordergrund.
In Zukunft werden konkrete Vorgehensweisen, wie die Zusammenführung von Fachdaten unterschiedlicher Herkunft, die Entwicklung einheitlicher Standards und die Abstimmung von verbindlichen Abläufen zwischen den jeweiligen Fachabteilungen zunehmend in den Fokus des kreisübergreifenden Austauschs rücken. Besonders relevant ist außerdem die gemeinsame Beratung über den Umgang mit Daten und Informationen, bei deren Verwendung besondere Ansprüche an den Datenschutz und Datensicherheit gestellt werden müssen. Insbesondere Daten der kritischen Infrastruktur können nur dann in einem Digitalen Zwilling abgebildet werden, wenn die Systemumgebung ausreichend zugangsbeschränkt und sicher ist.
Welche Förderstrukturen auf Landes-, Bundes- oder EU-Ebene sind notwendig, um ein so komplexes interkommunales Digitalisierungsvorhaben nachhaltig zu finanzieren?
Förderstrukturen für Projekte dieser Art müssen nicht grundsätzlich erst geschaffen werden. Sowohl auf EU-, wie auch auf Bundes- und Landesebene wurden immer wieder entsprechend Programme veröffentlicht, wie beispielsweise das Programm „Digitales Europa“ oder mFUND als Innovationsinitiative des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr. Auch für die interkommunale Zusammenarbeit stehen Förderungen zur Verfügung.
Problematisch sind häufig die zeitliche Passung der bereitstehenden Fördermittel und die hohen bürokratischen Hürden. Hier wäre eine deutliche Flexibilisierung zugunsten der Antragsteller hilfreich.
Welche weiteren Anwendungsbereiche, etwa beim regionalen Klimaschutz oder der (Energie-) Infrastrukturplanung, wollen Sie künftig über die Modellregion abbilden?
Die Einsatzmöglichkeiten Digitaler Zwillinge sind mannigfaltig. Mit dem Aufbau der Modellregion wird eine digitale Grundlage geschaffen, die künftig vielfältige Einsatzmöglichkeiten für kommunale Aufgaben eröffnen kann. Dazu zählen unter anderem Klimaanpassung, Mobilität, Infrastruktur oder Flächenentwicklung.
Im Vordergrund steht zunächst der Aufbau einer leistungsfähigen Simulations- und Analyseplattform, die eine flexible Weiterentwicklung anderer Anwendungsbereiche ermöglicht.
Welche zentralen Erkenntnisse geben Sie anderen europäischen Kommunen mit, die am Anfang einer vergleichbaren digitalen Resilienz-Strategie stehen?
Der Aufbau eines Digitalen Zwillings sollte sich an konkreten kommunalen Herausforderungen und praktischen Anwendungsfällen orientieren. Im Beispiel des Rhein-Erft-Kreises ist der Strukturwandel eine besondere Herausforderung und praktische Anwendungsfälle finden sich insbesondere in der regionalen Wasserwirtschaft. Wichtig sind auch die frühe Einbindung der kreisangehörigen Kommunen, regionalen Institutionen, Unternehmen und Nachbarkreise bzw. Nachbarstädte.
Ein starkes Netzwerk – wie die Digitale Allianz im Rhein-Erft-Kreis – bietet dem Projekt gleich zu Beginn große Vorteile, darunter Wissen, Erfahrung und vor allem die gemeinsame Identifikation von konkreten Anwendungsfällen. Denn im Mittelpunkt sollte nicht die Technologie selbst stehen, sondern die Frage, welche Herausforderungen mit ihrer Hilfe bewältigt werden können.
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