Was europäische Kommunen vom Wiederaufbau in der Ukraine lernen können

Der russische Angriffskrieg hat den Großteil der zentralen fossilen Kraftwerke in der Ukraine zerstört oder außer Betrieb gesetzt – eine Belastungsprobe für das gesamte Land, das insbesondere in den Wintermonaten unter schweren Energieengpässen leidet. Doch mitten im Krieg vollzieht sich eine Transformation: Dezentrale Solaranlagen, Batteriespeicher und Wärmepumpen verwandeln Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser in autarke Zufluchtsorte und schützen die Zivilbevölkerung.

Wie dieser Umbau in der Praxis funktioniert und warum Energieautonomie ein physischer Schutzschild ist, erklärt Andree Böhling im Interview. Als Senior Energieexperte begleitet er seit August 2023 das internationale Greenpeace-Projekt zum grünen Wiederaufbau in der Ukraine, dessen Leitung er 2025 übernommen hat. Im Gespräch gibt er Einblicke in die Befähigung lokaler Fachkräfte, die Schlüsselrolle von Frauen beim Wiederaufbau und erklärt, welche Lehren europäische Kommunalverwaltungen für ihre eigene Krisenfestigkeit aus den Erfahrungen in der Ukraine ziehen können. 

Welche Erfahrungen aus Ihren Greenpeace-Projekten – wie der solaren Ausrüstung von Krankenhäusern und Schulen in der Ukraine – zeigen, dass ein grünes „Leapfrogging“ mitten im Krieg funktioniert?

© Lucas Wahl/GreenpeaceBislang kam der Strom für die Menschen in der Ukraine „aus der Steckdose“, d. h. aus zentral gesteuerten Großkraftwerken wie Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken. Energiewende und Erneuerbare Energien waren wenig bekannt. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die ganze Ukraine im Jahr 2022 hat sich das schlagartig geändert. Kritische Infrastrukturen wie die Energieversorgung wurden zu einem primären militärischen Ziel der Russen. Fast 90 Prozent der fossilen Großkraftwerke wurden zerstört oder außer Betrieb gesetzt. Insbesondere in den Wintermonaten erleidet das ganze Land eine schwere Energiekrise mit erheblichen Einschränkungen für die Strom- und Wärmeversorgung. Deshalb haben unsere Projekte mit Solar, Batterien und teils auch Wärmepumpen für Krankenhäuser, Kindergärten oder Schulen schnell Anklang gefunden. Die anfängliche Skepsis gegenüber den Technologien hat sich in hohe Zustimmung umgewandelt, weil die Menschen den praktischen Nutzen erkennen. Unsere ersten Krankenhäuser wurden z. B.  Zufluchtsorte, in denen es immer warm war und wo man sein Mobiltelefon aufladen konnte. Mittlerweile muss man kaum noch jemanden über den Nutzen der Technologie überzeugen. Es geht nur noch um die Frage, ob man sie finanzieren oder bekommen kann.

Warum ist der Umstieg auf Solar, Erdwärme und Wärmepumpen in Ihrer täglichen Arbeit nicht nur ein Klimathema, sondern vor allem ein physischer Schutzschild für die Zivilbevölkerung? 

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat vor Augen geführt, dass Sicherheit auch eine Frage einer sicheren Energieversorgung ist. Es reicht nicht mehr aus, die Bevölkerung mit Soldaten, Panzern, Drohnen und Raketen zu schützen. Man muss auch dafür sorgen, dass die eigene Energieversorgung weniger leicht lahmzulegen ist. Wir sprechen hier dann von Resilienz. In der Ukraine haben die Menschen auf brutalste Weise gelernt, was das in der Praxis heißt: ein resilientes Energiesystem muss nicht nur militärisch geschützt werden, es setzt auch auf viele und dezentrale Technologien anstatt auf wenige und große Großkraftwerke. Diese Diskussion steht bei uns in Deutschland noch aus.

Viele Wiederaufbau-Initiativen und Energieprojekte vor Ort werden maßgeblich von Frauen getragen und gestaltet, die vor Ort Verantwortung übernehmen. Wie unterstützt Greenpeace diese Form der sozialen Resilienz konkret?

Frauen nehmen eine zentrale Rolle dabei ein, das Land am Laufen zu halten, da viele Männer durch den Krieg als Soldaten gebunden sind. Nicht immer sind Frauen aber bereits in manch männerdominierten Berufen qualifiziert oder akzeptiert. Das haben wir mit einem Projekt versucht zu ändern. Wir haben rund dreißig Frauen als Solar-Installateurinnen ausgebildet. Auch einfach, weil es nicht genügend Fachkräfte im Bereich der Installation von Solarenergie gab. Mittlerweile gibt es einige ähnliche Initiativen. Und auch wir wollen unseren Ansatz weiterentwickeln und ausbauen.

Welche Rolle spielt die Aus- und Weiterbildung bzw. Befähigung lokaler Fachkräfte, damit Erneuerbare-Energien-Anlagen im Ernstfall ohne lange Lieferketten schnell gewartet oder repariert werden können?

Auf jeden Fall eine zentrale Rolle. Es geht dabei um Fachkräfte auf allen Ebenen und natürlich auch darum, dass ein Teil der Wertschöpfung im Land bleiben kann. In den Kommunen gibt es bislang kaum Expert:innen, die sich mit der Planung, der Umsetzung und dem Betrieb von EE-Projekten befasst haben. Und im Krieg mit der aktuellen Energiekrise kommt es auch auf internationale Hilfe an und das wiederum erfordert neue Expertisen wie Sprache, unterschiedliche Rechtssysteme etc.

Vor welchen Hürden steht die internationale Gebermobilisierung aktuell, wenn es darum geht, Gelder in zukunftsfähige Versorgungssysteme zu lenken?

Es geht vor allem darum, eine gute Mischung aus Schnelligkeit, Kosten und Nachhaltigkeit zu finden. Manches, was wie Dieselgeneratoren vermeintlich günstig und einfach in der Soforthilfe ist, vermag langfristig hohe Kosten und negative Begleiterscheinungen wie Lärm oder Luftverschmutzung für die Menschen in der Ukraine zu haben. Da der Krieg jetzt schon über vier Jahre andauert, sollte man sich darüber Gedanken machen, ob diese Systeme nicht verstärkt durch Solarenergie und Batterien ergänzt werden können. Generell ist ein Problem, dass große Geber oft nur „große und etablierte Lösungen“ anbieten können und die Nöte auf lokaler Ebene nicht gut kennen. Zudem sprechen sie vorrangig mit der Regierung, die angesichts des Krieges aber oft überfordert ist. Zukunftsfähige Lösungen erfordern viel mehr Kommunikation zwischen den internationalen Gebern und den notleidenden Menschen vor Ort bzw. den Kommunen. Wir versuchen hier mit unserer Arbeit auch ein Mittler zu sein.

Wie belegen Ihre Analysen, dass dezentrale Erneuerbare-Energien-Anlagen und autarke Microgrids krisenfester sind als zentrale Großkraftwerke?

Das ist nichts, was man in der Ukraine noch durch wissenschaftliche Analysen oder so belegen muss, es ist harte gelernte Praxis. Aber mittlerweile gibt es immer mehr Studien und Strategien, um diese Zusammenhänge auch wissenschaftlich nachzuweisen. Unsere polnischen Kolleg:innen haben hierzu zum Beispiel gerade einen Report veröffentlicht, der aufzeigt, dass wir in Europa eine Menge aus der Ukraine lernen können. Also auch für den Betrieb eines krisenfesten Energiesystems und nicht nur, wie man einen Krieg mit Drohnen führt.

Was können europäische Kommunalverwaltungen, die ihre eigene (Energie-)Infrastruktur gegen Krisen, Extremwetter oder Cyberangriffe widerstandsfähiger aufstellen müssen, aus den aktuellen Erfahrungen des Wiederaufbaus in der Ukraine lernen?

Dies zeigt der Report unserer polnischen Kolleg:innen in einigen wichtigen Beispielen deutlich auf. Es muss um einen besonderen Schutz von kritischer Infrastruktur wie z. B. Krankenhäusern, Wasserversorgung, Katastrophenschutzsysteme etc. gehen, z. B. durch eine vom Stromnetz unabhängige Energieversorgung. Außerdem um einen besseren Schutz vor Cyberangriffen sowie unserer Stromnetze, insbesondere der Hochspannungsnetze und der damit verbunden Schlüsselstellen. Und es geht ebenso um die Aus- und Weiterbildung von Personal im Katastrophenschutz.