Antonia Kleinwächter

Foto: Antonia KleinwaechterGlycerin im Fokus: Nebenprodukt der Biodieselproduktion als gefragtes Multitalent

In Kosmetik, Medikamenten, Tierfutter oder Lebensmittel – kaum ein Rohstoff ist so vielseitig einsetzbar wie Glycerin. Es wird bei der Produktion von Biodiesel als wichtiges Nebenprodukt gewonnen, meist zu hochwertigem Pharmaglycerin aufbereitet und schließlich in unserem Alltag in hunderten Anwendungen genutzt.

Antonia Kleinwächter von CREMER OLEO antwortet als „Product Manager Glycerin” auf unsere Fragen. CREMER OLEO ist Hersteller, Dienstleister und Händler von Glycerin. Das Unternehmen produziert, kauft und verkauft den Rohstoff weltweit – als Roh- und auch Raffinatglycerin. Zudem deckt die Firma ihren eigenen Glycerinbedarf in den Bereichen Tierfutter und Oleochemie-Produktion.

Glycerin ist ein farb- und geruchloser, dickflüssiger Stoff; chemisch gehört er zu den Zuckeralkoholen. Es entsteht fast immer als Nebenprodukt, was aus bioökonomischer Sicht vorteilhaft ist – entweder bei der Herstellung von Biodiesel oder bei der Verseifung von Ölen und Fetten (z. B. aus Raps, Palm, Soja). Es ist meistens also pflanzlichen Ursprungs, kann aber auch aus tierischen Fetten gewonnen oder synthetisch auf Erdölbasis hergestellt werden. In Europa und Südamerika stammt der Großteil des Rohglycerins beispielsweise aus der Biodiesel-Produktion, in Asien aus der Fettsäurespaltung. Deutschland ist der größte Glycerin-Produzent in der EU; hier hat Glycerin aus der Biodieselherstellung fossiles Glycerin vollständig verdrängt. Die wichtigsten Rohstoffe für die Biodieselherstellung hierzulande sind Raps (54,6 Prozent, 2025) und Altspeisefette (25,9 Prozent, 2025).

Die verschiedenen Aufarbeitungsprozesse führen zu unterschiedlichen Eigenschaften des Rohglycerins. So schwankt die Qualität bei der Biodieselproduktion stärker – abhängig von Rohstoff und Anlage –, während die Fettsäureproduktion in der Regel stabilere Qualitäten liefert. Die Seifenherstellung ist aufgrund der eingesetzten Rohstoffe und der chemischen Verfahrensschritte anspruchsvoller zu handhaben. Aus allen Rohglycerinen lässt sich jedoch Raffinatglycerin herstellen. Entscheidend für dessen Qualität und Zertifizierung sind der jeweilige Aufbereitungsprozess und der verwendete Rohstoff. Sie bestimmen letztlich, in welche Branche das Produkt verkauft wird und wie es dort eingesetzt werden kann.


1. Welche besonderen Eigenschaften des Rohstoffs Glycerin machen ihn für CREMER OLEO interessant?

Glycerin ist extrem breit einsetzbar, weil es unter anderem wasserlöslich, zähflüssig, schmierend, konservierend sowie struktur- und geschmacksgebend ist und zudem als ungiftig gilt. Außerdem lässt es sich gut lagern und transportieren.

Wird Glycerin aus pflanzlichen Ölen (Raps, Palm, Soja) hergestellt, ist es von Vorteil, dass sich die Herkunft dieser Rohstoffe durch entsprechende Regularien sehr gut nachvollziehen und zertifizieren lässt (Stichwort RSPO: internat. Palmöl-Zertifizierungsstandard). Die Zertifizierung (z. B. Ph. Eur., USP oder Kosher/Halal) ist am Ende das „Qualitäts-Adjektiv“, das darüber entscheidet, ob das Glycerin in den Hustensaft darf oder im Frostschutzmittel landet. 

Darüber hinaus ist Glycerin in der Weiterverarbeitung chemisch sehr stabil, was besonders für Hersteller relevant ist. CREMER OLEO ist global gut vernetzt und unterhält langjährige Lieferanten- und Kundenbeziehungen. Dadurch kann auch auf herausfordernde Supply-Chain-Situationen flexibel reagiert werden. Bei einem international gehandelten Produkt wie Glycerin lassen sich die eigenen Stärken – durch das vielseitige Set-up und insbesondere die europäische Biodieselproduktion – gut ausspielen.

2. Welche Industrien sind derzeit die Hauptkunden für hochwertiges Glycerin?

Die Kosmetik- und Personal-Care-Industrie, etwa für Hautcremes, Shampoos, Duschgele, Zahnpasta oder Make-up. In der Pharma- und Healthcare-Industrie wird Glycerin unter anderem in Sirupen, Lösungen, Kapseln (Weichgelatine), Salben und Cremes eingesetzt sowie als Excipient, also Hilfsstoff.
Auch die Lebensmittel- und Getränkeindustrie nutzt Glycerin – etwa als Feuchthaltemittel in Backwaren und Riegeln, als Süßungsmittel sowie zur Texturgebung und Stabilisierung.

3. Welche Trends oder Entwicklungen sehen Sie aktuell auf dem Glycerin-Markt, sowohl industriell als auch für Verbraucher?

Rund 60 Prozent des Glycerins stammen aus der Biodieselproduktion. Politische Vorgaben und Regulierungen treiben und beeinflussen Produktion, Angebot und Nachfrage – die Energiepolitik wirkt sich damit direkt auf das Glycerinangebot aus.

Der Anteil von Raffinatglycerin liegt bereits über dem von Rohglycerin und wächst weiter. Entsprechend verschiebt sich die Wertschöpfung zunehmend in die Raffinat-Sparte.

Auch die Nachfrage der einzelnen Industrien prägt die Markttrends (Stichwort Nachhaltigkeit). Viele Kunden suchen verstärkt nach Rohstoffen, die vegan, tierversuchsfrei und möglichst frei von Pestizidrückständen sind.

Zudem gibt es einen anhaltenden, zunehmenden Trend hin zu palmfreien und nicht genmodifizierten Rohstoffen. Entsprechend muss palmfreies Glycerin beschafft werden. In diesem Fall wird es bei uns aus Europa bezogen und ist damit rapsbasiert. Raps aus anderen Regionen, etwa Kanada, ist hingegen häufig genmodifiziert.

veröffentlicht im Oktober 2026