Wärmewende in Wolfenbüttel: Warum Wärmeplanung Kümmerer braucht
Emma Brandebusemeyer koordiniert die kommunale Wärmeplanung der Stadt Wolfenbüttel. Im Interview spricht sie über den aktuellen Stand, die Beteiligung von Akteuren, ein konkretes Quartiersbeispiel, Synergien mit anderen Ausbaumaßnahmen und die Rolle der Stadt gegenüber Mieter*innen. Sie ist damit die dritte Gesprächspartnerin dieser Serie: Zuvor hatte Daniela Langner von den Stadtwerken Wolfenbüttel über Photovoltaik und Batteriespeicher gesprochen, im direkt vorangegangenen Interview ordnete Kimberly Bock, ebenfalls Stadtwerke Wolfenbüttel, die Wärmeplanung aus Sicht der Stadtwerke ein.
Frau Bock beschrieb einen engen Austausch mit Ihnen als Koordinatorin der kommunalen Wärmeplanung. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus Sicht der Stadt aus?
Als ich mich 2024 mit der Ausschreibung beschäftigt habe, war klar: Wir haben keine eigene Geodatenabteilung, das übernimmt bei uns vorrangig eine Person, die ebenfalls für den Landkreis zuständig ist. Wir brauchten also Unterstützung von einem externen Planungsbüro. Weil noch das alte niedersächsische Klimagesetz (NKlimaG) für uns gilt und das Wärmeplanungsgesetz erst 2024 in Kraft trat, fand ich, dass die Akteurszusammenarbeit im NKlimaG etwas unterrepräsentiert war. Deshalb habe ich zunächst selbst eine Akteursanalyse gemacht – dafür gibt es ein Tool vom BMWK, das man allgemein im Klimaschutzbereich nutzen kann und das Empfehlungen anbietet, welche Akteure man wie im Prozess mitnehmen sollte. Das habe ich auch in der Ausschreibung hervorgehoben, damit das Planungsbüro von Anfang an wusste, dass uns das wichtig ist. Orientiert habe ich mich dabei unter anderem an Rostock, wo es bereits eine vergleichbare Projektgruppe gab – da konnte ich schauen, welche Akteure dort identifiziert wurden. Für die kommunale Wärmeplanung in Wolfenbüttel habe ich dann einen eigenen Wärmebeirat als begleitendes Gremium etabliert.
Bei einer Infoveranstaltung im April haben Sie erklärt, dass aktuell rund sechs Prozent der Wärmeversorgung aus erneuerbaren Quellen stammen. Wie ist der aktuelle Stand der Wärmeplanung, und wann rechnen Sie mit dem finalen Beschluss?
Wolfenbüttel ist als Mittelzentrum nach dem alten niedersächsischen Klimagesetz verpflichtet, die Wärmeplanung bis zum 31.12.2026 abzuschließen – die vielfach genannte Frist Mitte 2028 galt für uns also gar nicht. Der Plan hat bereits mehrere Stufen durchlaufen: Im Herbst 2025 haben wir den Zwischenstand unter anderem in den zehn Ortsräten vorgestellt, im April diesen Jahres gab es die große öffentliche Infoveranstaltung, und vom 30.4. bis 31.5. lag der Plan öffentlich aus. Danach haben wir die eingegangenen Stellungnahmen ausgewertet, alle Ortsräte und davon berührten Gremien werden über den Stand informiert und geben ihre Beschlussempfehlung ab, bevor der Beschluss ansteht.
Der Wärmeplan teilt Wolfenbüttel in 46 Teilgebiete mit zwei Entwicklungsszenarien – zentrale Wärmenetze und dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen. Wie läuft die Abstimmung mit den unterschiedlichen Akteuren, etwa Stadtwerken, Handwerk und Wohnungswirtschaft?
Dafür haben wir den Wärmebeirat eingerichtet, der insgesamt sechs Mal während der Erstellung der KWP getagt hat. Mitglieder sind Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Abteilungen der Stadtverwaltung, den Stadtbetrieben, den Stadtwerken, unserem Klinikum, den drei größeren Wohnungswirtschaftsakteuren in Wolfenbüttel, der Wirtschaftsförderung, der Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, der Ostfalia-Hochschule sowie der Bezirksschornsteinfeger-Vertretung.
Wie hat sich die Zusammenarbeit im Beirat über die sechs Termine hinweg verändert?
Am Anfang ging es vor allem darum, Input zu holen: Welche Parameter sind bei der Datenerfassung wichtig, wie werden vorgeschlagene Sanierungsraten und -tiefen eingeschätzt, was ist für die Wohnungswirtschaft eine Teil-, was eine Vollsanierung? Mit der Zeit, als die Gebiete konkreter wurden, ging es dann um die Eignung für dezentrale oder zentrale Lösungen und zum Schluss darum, welche Maßnahmen wie zu priorisieren sind – beispielsweise die sogenannten Low Hanging Fruits. Daneben gab es einzelne Akteursgespräche, etwa mit den Stadtwerken oder der Wohnungswirtschaft, um an bestimmten Stellen tiefer einzusteigen.
Als Beispiel für ein mögliches Nahwärmenetz nennen Sie das Gebiet rund um das Theodor-Heuss-Gymnasium. Wie geht es dort und in vergleichbaren Quartieren als Nächstes weiter?
Das kommt oft auf das individuelle Quartier an. Dort haben wir gute Grundvoraussetzungen: Neben dem Theodor-Heuss-Gymnasium liegt die Berufsschule des Landkreises, und in zwei umliegenden Straßenzügen hat eine Wohnungsbaugesellschaft viele Mehrfamilienhäuser im Bestand. Das ist eine Sammlung potenzieller Ankerkunden, weshalb wir dieses Gebiet interessant finden – es ist ein zentraler Teil eines größeren Teilgebiets. Für das angesprochene Gebiet versuchen wir, als Stadt selbst die Fördermittel für eine erste Machbarkeitsstudie einzuwerben. Aufgrund der Haushaltslage bzw. unseren eigenen Sparzielen werden wir hier aber auch vermehrt in anderen Gebieten versuchen, das Interesse von Wärmenetzprojektierern zu wecken. Der Schulhof bietet größere Flächen, auf denen sich eine Energiezentrale unter Umständen leichter platzieren lässt. Ob man für so einen Nukleus, wie es oft genannt wird, ausreichend Ankerkunden zusammenbekommt, ist aber immer recht individuell. Mit der Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung streben wir an, die Wärmenetzeignungsgebiete und Prüfgebiete sukzessive weiter auf ihre Eignung im Detail zu prüfen, um dann genauere Aussagen treffen zu können, bspw. wenn ein Teilgebiet aktuell noch recht groß gefasst ist, an welcher Ecke ein guter Start für ein Wärmenetz aufgrund z. B. eines Ankerkunden sein könnte.
Wie geht die Stadt insgesamt mit dieser Unsicherheit um?
Wichtig zu betonen ist: In Wolfenbüttel gibt es keine verstetigten Wärmenetzstrukturen. Die Schritte, die wir in diese Richtung gehen, gehen wir oft zum ersten Mal. Das ist in gewisser Weise Pionierarbeit und weiter das Sammeln von Wissen, Vernetzen von Akteuren und Erarbeiten von Strategien. Deshalb gehen wir auch nicht davon aus, dass alle Wärmenetzeignungsgebiete ausnahmslos in wenigen Jahren durch Wärmenetze versorgt werden. Die Entwicklungsszenarien sehen eine Mischung aus Nahwärmenetzen und dezentralen Lösungen vor. Das Wichtigste ist die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung und nahezu komplette Reduzierung von fossilen Energieträgern im Wärmebereich. In der Innenstadt sind wir ebenfalls dabei, eine Machbarkeitsstudie für ein Wärmenetz anzustoßen, hier vor allem unter dem Vorzeichen kleiner Grundstücke, enger Straßen und vieler historischer Gebäude.
Frau Bock betonte, dass ein gemeinsamer Weg der Stadtwerke mit der Stadt entscheidend ist – etwa wenn eine Straße ohnehin aufgerissen wird und direkt mitgedacht werden sollte, was sich sonst noch umsetzen lässt. Wie koordiniert die Stadt solche Synergien in der Praxis?
Dafür gibt es bei uns die Gruppe „ProNetz", die vor allem wegen des starken Stromnetzausbaus gegründet wurde, um Prozesse zu verbessern und frühzeitig zu erkennen, wie viele zusätzliche Genehmigungen und Baustellen auf uns zukommen. Beteiligt waren dabei vor allem unsere Stadtplanung, Tiefbauamt und Grünflächenamt, die Verkehrsbehörde, die Stadtwerke sowie die Abwasserbeseitigung, die ebenfalls Synergien nutzen kann, wenn ohnehin an den Kanälen gearbeitet werden muss. Das war gute Vorarbeit, weil sich zeigt, wo nachgeschärft werden muss oder mehr Personal nötig ist – das lässt sich vermutlich gut auf das Thema Wärme übertragen. Deshalb ist es wichtig, vernetzt zu bleiben und das Bewusstsein für die Wärmeplanung auch in der jetzt beginnenden Umsetzung hochzuhalten.
Merkt man davon im Straßenbild schon etwas?
Unser Tiefbauamt hält, seitdem die Ergebnisse der Wärmeplanung konkreter wurden, überall dort, wo künftig eine Trasse interessant werden könnte, so viel Platz wie möglich im Untergrund frei. Auch wird bei Straßen, wo es möglich ist und aktuell viel im Untergrund passiert, der neue Bodenbelag nicht direkt in höchster Qualität aufgebracht, weil die Straße möglicherweise noch einmal geöffnet werden muss. Ganz greifbare Synergien haben wir aber noch nicht, weil wir aktuell kein Wärmenetz bauen, sondern uns in der Phase der Machbarkeitsstudien befinden. Das wird sich je nach Studienergebnissen mit den weiteren Fördermodulen – Ausführungs- und Genehmigungsplanung – erst in den nächsten Jahren aufbauen.
Rund 86 Prozent der beheizten Gebäude in Wolfenbüttel sind Wohngebäude, auf die 73 Prozent des Wärmeverbrauchs entfallen. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, wenn es darum geht, Mieter*innen bei der Wärmewende mitzunehmen – und welche Rolle kann die Stadt hier spielen, die die Stadtwerke nicht spielen können?
Das ist ein Dilemma: Als Mieter oder Mieterin ist man von der Entscheidung des Vermieters abhängig. Das ist gerade in Deutschland eine große Herausforderung, weil wir im EU-Vergleich eine sehr hohe Mieterquote im Verhältnis zur Eigentumsquote haben. Unsere Aufgabe als Stadt sehen wir darin, Orientierung zu geben und transparent mögliche Entwicklungen aufzuzeigen – etwa, dass Investitionen in fossile Energien absehbar riskant werden, weil das Gasnetz nur begrenzt weiterbetrieben werden kann und CO2-Preise steigen. GrößereWohnungswirtschaftsakteure können wir direkt ansprechen, bei Eigentümergemeinschaften ist unsere Einflussmöglichkeit begrenzter, weil Eigentum oft Privatsache ist.
Wie sieht das dann konkret aus – wo die Stadt ansetzen kann und wo nicht?
Wir arbeiten als Stadt an Teillösungen, wie zum Beispiel im Gebiet um das Theodor-Heuss-Gymnasium, wo neben Wohnungswirtschaftsgebäuden auch private Gebäude und Reihenhäuser liegen. Frau Bock hatte dafür im letzten Interview das Bild vom Gemüsegarten verwendet: Die Stadt gibt, was gebraucht wird – die Erde, die Möglichkeiten –, entscheiden und säen müssen die Bürgerinnen und Bürger am Ende selbst. Mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz soll zudem adressiert werden, dass Folgekosten fossiler Entscheidungen stärker dem Vermieter zugeschrieben werden. Wie sich das in der Praxis niederschlägt, muss sich erst zeigen. Ansonsten kann man vor allem appellieren, sich bei Verbraucherzentralen beraten zu lassen – oft kostenlos oder sehr günstig – und auch Mietervereine können Hilfestellung bieten.
Was würden Sie anderen Kommunen empfehlen, die am Anfang ihrer Wärmeplanung stehen?
Das kommt sehr darauf an. Viele der Kommunen, die nun zur Wärmeplanung verpflichtet sind, sind vermutlich deutlich kleiner als Wolfenbüttel oder ländlicher geprägt, haben also eine andere Siedlungsstruktur und vielleicht auch andere Strukturen in der Verwaltung. Für Wolfenbüttel war es sehr vorteilhaft, dass eine eigene Stelle für die Wärmeplanung geschaffen wurde, die ich besetzen darf. Es braucht meiner Meinung nach eine Art Kümmerer oder Kümmerin, der oder die das Thema bündelt und die Vernetzungsarbeit übernimmt – denn die Stadt kann zwar viel anstoßen, für die Umsetzung braucht es aber das Mitwirken jeder und jedes Einzelnen.
Mit der nächsten Novelle des Wärmeplanungsgesetzes wird zudem eine deutliche Vereinfachung diskutiert. Da bin ich etwas zwiegespalten. Im ländlichen Raum lassen sich dezentrale Gebiete sicher schneller erfassen, gleichzeitig könnte das Potenzial privater Initiativen für Wärmenetze dabei zu schnell abgetan werden. Für Wolfenbüttel gibt es aktuell noch keine größeren Aktivitäten privater Genossenschaften – wir sind aber offen dafür und würden das gerne unterstützen. In ländlicheren Räumen entstehen solche Initiativen häufig schneller, etwa weil ein Landwirt im Dorf Flächen für eine Energiezentrale mit Holzhackschnitzeln hätte. Meine Empfehlung wäre deshalb, das nicht einfach nur zu vereinfachen und zu beschleunigen, sondern sich noch eine zusätzliche Schleife zu nehmen und zu schauen: Welche Akteure habe ich, und wie kann ich sie vernetzen?
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